Ciclo & Generaciones
CICLO  Anita Schmuck-López (Ethnologin)

Ciclo ist eine Trilogie von Geburt, Leben und Tod. Eizelle, Samen, Nukleus und Atom als Symbole des Entstehens. Genese. Mineralisches, metallisches Entsteigen aus dem Inneren der Erde und Verbindung mit der Luft. Korrosion. Das Hervorbrechen rostfarbener Pigmente aus dem Dunkel. Atmung und Ankunft. Geburt. In der Mitte des Bildes schweben drei Knochen, Rippen. Bausteine der Natur, Bausteine des Lebens. Durch Fäden miteinander verknüpft, werden sie zu Sprossen einer Leiter und bilden einen materischen Körper des Lebens und Ablebens. Stabilität und Porosität. Raúl dokumentiert den Zusammenhalt und die Fragilität des Lebens in seiner plastischen Veränderbarkeit und stofflichen Zersetzbarkeit.
Im Bild oben ein ruhender Kopf im Rechteck. Innenraum von Pyramiden. Grab. Der Mensch zerfällt in Materie, zu Erde, einer lehmartigen Farbkomposition, wird Petrifikation. Ein Bild im Rahmen. Erinnerung und Würdigung posthum. Über die symbolische Leiter, die von unten nach oben (Geburt-Leben-Tod) und von oben nach unten (Tod-Leben-Geburt) führt, sind beide untrennbar miteinander verbunden. So formiert sich ein unsichtbarer Kreis, ohne Anfang und Ende. Der Tod wird Kontinuität und Immortalität.
Ciclo ist die Repräsentation einer indigenen Kosmogonie. Sie ist nicht linear in ihrem Verlauf, sondern beruht auf einer zyklischen Vorstellung der Zeit. Auf Zyklen der Natur. Raúl verleiht ihr durch die Kugel, deren Spirale zum Partus, zum Ursprung und Ausgangspunkt hin drängt, das „gravierende“ Gewicht. Übergang und Verlängerung. Die Kugel wird Pendel und hält, bewegungslos, die Balance zwischen Ende und Neubeginn. Wiederkehr in perpetuum.
Raúl bewegt sich in den Trilogien Ciclo und Generaciones zwischen Malerei und Skulptur in einer Dreidimensionalität. Er „reanimiert“ in Ciclo ein kosmisches Universum in Zyklen von Geburt, Leben und Tod, die in den temporalen Zyklen von Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit ihre symbolische Entsprechung finden, deren Repräsentanten drei Generationen sind. Die Hach Winik, die als einzige Nachfahren der Maya-Ethnien durch ihren Rückzug in den Urwald der Conquista zu entrinnen vermochten, sind un­geachtet ihres Synkretismus Bewahrer dieser Kosmogonie. Raúls künstlerische Arbeit ist eine Hommage an die Hach Winik und symbolisch die altamerikanischen Kulturen und eigenen Wurzeln.

Die Tatsache, dass in Mexiko alle historischen Ebenen zusammen existieren, ist ein äußeres Zeichen für die unbewussten Kräfte dieses Landes und dieses Volkes.
Carlos Fuentes

GENERACIONES  Anita Schmuck-López (Ethnologin)

Generaciones ist ein indigenes „Familienporträt“ der Lacandonen, einer Maya-Ethnie aus dem Bundesstaat Chiapas in Mexiko, die sich selbst Hach Winik, wörtlich „wahrhafte Menschen“ nennt. Drei Generationen nebeneinander, nacheinander, miteinander und füreinander. Raúl stellt sie uns nicht in reiner Nachahmung der Natur, sondern als künstlerisches Abbild dessen vor, was sie sind und einmal waren. Mikrokosmos und Makrokosmos. Den gesamten Raum der Leinwand „bevölkernd“, evozieren sie Monumentalität in ihrer verblassenden Präsenz. Futuristischer Muralismo. Pinselstriche, die wie Lichtstrahlen auf die gesenkten, verschlossenen Augen fallen, als suchten sie das Fatum ihrer ermatteten, aber in sich ruhenden Angesichter zu beleuchten. Weltentrücktheit im Wachzustand. In dieser Divergenz von Licht und Schatten lässt er ihre stummen Münder rezitieren. Denjenigen verständlich, die sich auf die Entzifferung des Unausgesprochenen verstehen. „Hieroglyphische“ Prosa.
Die Linien ihrer gerade geschnittenen weißen Leinenkleider überschreiten ihre Konturen und formen sich zu einem Körper, einem tradierten Organismus. Auflösung und Verschmelzung. Dehnen sich aus zu einer Zone alter Narben, eine Region neuer Wunden mit Gaze „verbunden“. Verletzung und Schutz. Zunehmende Brüchigkeit von den Spuren der Zeit in ihrer Resistenz um Zugehörigkeit. Verband und Verbund. Rinnsale von Farbe fließen wie Verlängerungen des nachtschwarzen, sich entfärbenden Haars unheilvoll an ihren Körpern hinunter. Unaufhaltsam in ihrem Lauf. Doch das Gewebe der Leinwand in seiner Auflösung begriffen, ist scheinbar unverwüstlich. Untergang und Rettung. Eine Trilogie von Generationen im Nebeneinander historischer Epochen in ihrer Atemporalität. Sedimente „fossiler“ Skulpturen.
Die Hach Wink, eine Projektion der „eigenen“ Sehnsüchte der westlichen Zivilisation und verleugnet von den Mestizen als „unzeitgemäß“ angesichts ihres indigenen Gens. Eine Realität aller mesoamerikanischen Ethnien. Ihre verschlossenen Augen öffnen unsere Augen. Mit Generaciones „pinselt“ Raúl kein Bild vom „edlen“ Wilden, sondern porträtiert die „Überlebenden“, heute etwa fünfhundert noch, einer einst „großen“ Familie und ihres Erbes, als Allegorie der Zeit.