Generaciones
GENERACIONES  Anita Schmuck-López (Ethnologin)

Generaciones ist ein indigenes „Familienporträt“ der Lacandonen, einer Maya-Ethnie aus dem Bundesstaat Chiapas in Mexiko, die sich selbst Hach Winik, wörtlich „wahrhafte Menschen“ nennt. Drei Generationen nebeneinander, nacheinander, miteinander und füreinander. Raúl stellt sie uns nicht in reiner Nachahmung der Natur, sondern als künstlerisches Abbild dessen vor, was sie sind und einmal waren. Mikrokosmos und Makrokosmos. Den gesamten Raum der Leinwand „bevölkernd“, evozieren sie Monumentalität in ihrer verblassenden Präsenz. Futuristischer Muralismo. Pinselstriche, die wie Lichtstrahlen auf die gesenkten, verschlossenen Augen fallen, als suchten sie das Fatum ihrer ermatteten, aber in sich ruhenden Angesichter zu beleuchten. Weltentrücktheit im Wachzustand. In dieser Divergenz von Licht und Schatten lässt er ihre stummen Münder rezitieren. Denjenigen verständlich, die sich auf die Entzifferung des Unausgesprochenen verstehen. „Hieroglyphische“ Prosa.
Die Linien ihrer gerade geschnittenen weißen Leinenkleider überschreiten ihre Konturen und formen sich zu einem Körper, einem tradierten Organismus. Auflösung und Verschmelzung. Dehnen sich aus zu einer Zone alter Narben, eine Region neuer Wunden mit Gaze „verbunden“. Verletzung und Schutz. Zunehmende Brüchigkeit von den Spuren der Zeit in ihrer Resistenz um Zugehörigkeit. Verband und Verbund. Rinnsale von Farbe fließen wie Verlängerungen des nachtschwarzen, sich entfärbenden Haars unheilvoll an ihren Körpern hinunter. Unaufhaltsam in ihrem Lauf. Doch das Gewebe der Leinwand in seiner Auflösung begriffen, ist scheinbar unverwüstlich. Untergang und Rettung. Eine Trilogie von Generationen im Nebeneinander historischer Epochen in ihrer Atemporalität. Sedimente „fossiler“ Skulpturen.
Die Hach Wink, eine Projektion der „eigenen“ Sehnsüchte der westlichen Zivilisation und verleugnet von den Mestizen als „unzeitgemäß“ angesichts ihres indigenen Gens. Eine Realität aller mesoamerikanischen Ethnien. Ihre verschlossenen Augen öffnen unsere Augen. Mit Generaciones „pinselt“ Raúl kein Bild vom „edlen“ Wilden, sondern porträtiert die „Überlebenden“, heute etwa fünfhundert noch, einer einst „großen“ Familie und ihres Erbes, als Allegorie der Zeit.